Das Vertrauen ins Miteinander, die Liebe begründet die Kultur. 

                           Art and Experience.​

Annähernd dreissig Jahre waren Peter Angst und Beatrice Häfliger ein Paar.

Beatrice Häfliger

Ich werde 1959 in Reinach AG als jüngstes Kind einer 10-köpfigen Arbeiterfamilie geboren. Ich studiere Soziale Arbeit, Philosophie und Soziologie. Wer mich verstehen will, hält sich an den Satz: „Nicht zu wissen, was sie will, wer sie ist, bestimmt ihre Biografie.“ Während des Studiums spiele ich Theater. Mein Geld verdiene ich nach der Ausbildung im sozialen und therapeutischen Bereich, zuletzt acht Jahre als Schulsozialarbeiterin. Unter Einbezug all meiner kreativen Fähikeiten realisiere ich mit Klassen und Lehrern viele, erlebnisorientierte Projekte . 

 

Ich lebe und arbeite seit 1990 im Toggenburg. In der Abgeschiedenheit, an der Seite von Peter wage ich es – als Kind aus einfachen, zweckorientierten Verhältnissen – meinen kreativen Neigungen zu folgen. Peter schenkt mir zu meinem 30igsten Geburtstag einen Block Ton. Mit dem Umzug auf das Land wird das Modellieren über viele Jahre zur zentralen Freizeitbeschäftigung. Es  ist da, lange bevor ich zu zeichnen beginne. Das Schreiben begleitet mich seit meiner Studienzeit in Form von „Läuterungen“ und der Niederschrift von Träumen.

In der Arbeit mit Kindern beginne ich mich ernsthaft zu fragen, was wichtig ist. Ich tauche anhand von Zeichnungen in die eigene Kindheit ein, um Kindererleben näher zu kommen. Daraus entsteht der Entwicklungsroman „Das Mädchen mit dem Pagenschnitt“. Das Buch wird vom Kanton Aargau, Kultur Toggenburg und der Wohngemeinde Neckertal mehrfach gefördert.

Cornelia Kazis interviewt in ihrem Buch „Weiterleben, weitergehen, weiterlieben“ sieben Witwen über ihre Erfahrungen mit der Krankheit und dem Verlust ihres Liebsten. Ich bin eine davon. Ich antworte der selbst erst seit kurzer Zeit verwitweten Autorin und Reporterin auf die Frage, was Peter und ich für ein Paar waren: „Freunde sagten wir seien symbiotisch. Dazu sagte ich immer, wenn Symbiose auch heisst, kontrovers und verlässlich zu sein, dann bin ich einverstanden. Es gab halt viele, die nicht verstanden, wie wir hier hausen und wohnen und es nett haben können miteinander.“ Und Frau Kazis schreibt weiter: „Das kinderlos gebliebene Paar. Das alternativ lebende Paar. Das sich selbst genügende Paar. Das naturverbundene Paar. Das eskapistische Paar, das zuweilen auch die Nachrichten aus aller Welt nicht ertrug. Die fünf Minuten gesammeltes Elend, an dem man eh nichts ändern konnte. Das dünnhäutige Paar. Das schöngeistige Paar.“

Annähernd dreissig Jahre interaktive Zweisamkeit in einer Waldeslichtung sind prägend. Als Peter in einem fortgeschrittenen Stadium Krebs diagnostiziert wird, kündige ich meine Stelle als Schulsozialarbeiterin. Mein Mann formuliert gleich nach der Diagnose, dass er dann mit Exit sterben wolle. Ich gehe mit  meinem Liebsten den Weg, bis der Zeitpunkt da ist, wo kein Ausweg für ein würdiges Sterben, wie mein Mann es sah, mehr bleibt. Er starb ruhig Zuhause. Solches Geschehen verändert.

Innerlich gehetzt lebe ich weiter, bis ich das Bein breche. Diese Zäsur lernt mich die Einsamkeit, die Trauer zu ertragen. Ich arbeite an der Verarbeitung des Erlebten.hIch kann wieder gehen. Das Leben ist schön. Ich bin offen für Projekte, die meinen Neigungen und Erfahrungen entgegen kommen.

Peter Angst

1950 in Wädenswil am Zürichsee geboren, wuchs er in der Nähe der Voralpen auf, in einem reformierten Pfarrhaus. Ab 1958 war die zuletzt siebenköpfige Familie oft während möglichst vieler Ferienwochen im Madranertal, in den Bergen. 

 

Nach der Matura verliebt er sich. Mit andern jungen Leuten gründet er am Mutschellen eine Landkommune, wie man damals sagte. Er studiert 2 Jahre Psychologie. Sein Geld als Werkstudent verdient er als Meteorologe, Operator, Chauffeur, Tankwart, Fliessbandarbeiter, Lagerist.

 

Im Herbst 1973 zieht er ostwärts. In Beirut lebt er unter Palästinensern, zuletzt im Flüchtlingslager Schatiila. Nach einem Schiessunfall stirbt er beinahe. Zurück in der Schweiz scheint ihm Psychologie nicht mehr wichtig. Er macht das Lehrerpatent, arbeitet als Reallehrer.

1980/81 verbringt er ein Jahr in Damaskus und lernt arabisch. Er beginnt zu schreiben, journalistisch und belletristisch. Texte von ihm erscheinen zum Beispiel im Tages Anzeiger Magazin. Er tritt eine Stelle als Auslandredaktor bei einer linken Zeitschrift an. 

1984 zieht er allein ins Tösstal. Er mag nicht mehr nur ein ‚Zürcher Achtundsechziger‘ sein. Das Geld verdient er als Gärtner. Das Schreiben wird zusehends wichtiger. Er will so leben, als ob er nichts wüsste. 

Ab 1985 verbringt er vier lange Winterhalbjahre auf dem Peloponnes, im südlichsten Weiler. Im Sommer jobbt er in Zürich. 

 

1988 lernt er mich kennen. Monate später zieht er zu mir nach Zürich. Erste Haiku-Prosa entsteht. Nach und nach beginnen ihm von Buchen und Eschen durchsetzte Tannenhänge zu fehlen. 1990 verlegen wir unseren Wohnsitz in die Voralpen, ins Toggenburg. Haiku-Prosa-Stücke erscheinen in Zeitschriften. Er schreibt an einem Haiku-Prosa-Buch. Er schreibt einen Roman. Er führt unter dem Titel ‚Skepsis und Inbrunst‘ ein Logbuch. Sein Geld verdient er bis zu seinem 65igsten Geburtstag als Lehrer-Stellvertreter in der Gegend. Er ist oft draussen, in von Nagelfluhbändern durchzogenen Wäldern. Nach der Pensionierung will er seine Texte in die endgültige Form bringen. Da bekommt er, aus heiterem Himmel, wie die Redewendung sagt, einen Befund, der die Ausdrücke ‚weit fortgeschritten‘ und ‚unheilbar‘ enthält. Er beschliesst: „Wenn es sich wirklich aufdrängt, schreib auch davon. Und streune weiterhin in Wäldern.“

 

Sein Haiku-Prosa- Buch „Die Wälder“ verschickt er selbst noch an Freunde, Menschen, die ihm Konkretes bedeuten. „Vom Zürichsee“ und „Skepsis und Inbrunst“ bringe ich nach seinem Tod  nach Peters Wünschen im Selbstverlag Kubel heraus. Die in den letzten fünf Monaten entstandene Erzählung „Die Wildtiere“ liegt auf dem Tisch des Wolfbach-Verlags, der im kommenden Jahr – so das Geld für die Druckkosten zusammen kommt – die zweite Auflage von „Die Wälder“ herausgeben wird.